Delta-City: Eine Leseprobe

Normalerweise erfreute sich die Oase um diese Zeit guten Besuchs, doch am heutigen Abend beglückten nur wenige Gäste den Wirt Balthasar mit ihrer Anwesenheit. Darunter befanden sich drei Lagerarbeiter, die in modischen und – dank der fast vollständig automatisierten Lagertechnologie – sauberen Overalls an dem seitlich verlaufenden Teil der langen Theke zusammensaßen. Diese unterhielten sich zu Balthasars Bedauern jedoch nur über Belanglosigkeiten die Arbeit betreffend.

Auch die kleine Raumfahrer-Crew, die sich hier ihren Aufenthalt vertrieb, während Hafenarbeiter und Techniker ihr Schiff in Beschlag nahmen, konnte die Neugier des Wirtes nicht befriedigen. Die Würfelrunde am Stammtisch inmitten des Raumes bestand zwar immerhin aus Wesen gleich dreier Spezies, doch kamen diese nun auch schon seit über einem Jahr wöchentlich her, sodass sie Balthasars Hunger nach Neuigkeiten schon längst nicht mehr stillen konnten.

Wie es in solchen Bars üblich ist, gab es natürlich auch in der Oase eine dunkle Ecke mit einem kleinen Tisch für Gäste, die besonders geheimnisvoll oder gefährlich wirken wollten. Diese lag von der Tür aus direkt rechts, ein wenig durch eine Kaminattrappe an der seitlichen Wand abgegrenzt. Außer einem gewissen Sichtschutz sorgte die Abschottung auch dafür, dass der Tisch im Schatten lag. Das diffuse Kerzenlicht – die künstlichen Kerzen waren hierbei auf eine optimale Atmosphäre programmiert worden – konnte somit seine Wirkung voll entfalten.

Diesen Tisch besetzte ein Raumpirat, der den Titel Stammgast mittlerweile fast schon hinter sich gelassen hatte, um ins Inventar überzugehen. Der Wirt schätzte diesen Gast, der auf den Namen Kain hörte. Zum Einen zog er als exotische Persönlichkeit mit einer gehörigen Portion Charisma viel Aufmerksamkeit auf sich und lockte auf diese Weise Gäste her. Zum Anderen sah der Raumfahrer diese Bar darüber hinaus als eine Art Zuhause an und sorgte dafür, dass es keinen unkontrollierten Ärger gab. (Kontrollierter Ärger wurde in einem Etablissement wie diesem regelrecht erwartet.) Eben solcher kündigte sich nun jedoch an, als die Eingangstür zur Seite fuhr und die Gestalt einer Frau offenbarte. Sie vermittelte definitiv nicht den Eindruck, hier nur einen Drink nehmen zu wollen. Als auffälligstes Merkmal an dieser Frau stach zweifelsohne ihr fast kahl rasierter Kopf ins Auge. Nur winzige Stoppeln zierten diesen noch. Sie war nicht geschminkt und trug keinen Schmuck. Dafür ließen sich die Tätowierungen auf ihren Armen und Schultern kaum übersehen. Die Motivwahl beschränkte sich weitgehend auf Ornamente und Schädel. Mehr gaben die schwarze Lederhose und das graue Tanktop jedoch nicht preis. Trotz ihres recht geringen Alters – sie mochte etwa Mitte zwanzig sein – lag keine Spur von Naivität oder Zurückhaltung in ihrem Blick. 

Um das einschüchternde Bild auf die Anwesenden wirken zu lassen und so dessen Effekt zu verstärken, blieb sie noch einen Moment in der offenen Tür stehen, bevor sie langsam, jedoch mit geräuschvollen Schritten auf die Theke zuging. Einen Meter davor blieb sie stehen und blickte den Wirt stumm an, der die Möglichkeit nutzte, sie ungeniert zu mustern.

Über ihrer linken Schulter trug sie einen Rucksack. An ihrem Gürtel sah er ein langes Kampfmesser und einen Betäubungs-Blaster. Dies konnte nur bedeuten, dass sie eine Erlaubnis für diese Waffen besaß. Anderenfalls hätte, aufgrund der strengen Waffengesetze auf der Station, diese Bewaffnung nicht ausgereicht, sich durch den Sicherheitsdienst zu kämpfen. Zur Delta-City-Sicherheitsbehörde gehörte sie jedoch nicht, da sie keine entsprechende Uniform trug. Die letzte Möglichkeit, die Balthasar einfiel, bereitete ihm äußerstes Unbehagen, was die Bewaffnete ihm wohl auch ansah.

»Kopfgeldjägerin.« Sie sagte es kühl und in ihrer Stimme schwang ganz subtil die Botschaft mit, dass sie eine Reihe Tugenden auszeichnete, Geduld jedoch nicht dazu gehörte. »Das ist doch das Wort, das du suchst, oder? Wirt!«

Das letzte Wort kleidete sie in eine wohldosierte Mischung aus Abscheu und Geringschätzung. Längst war die Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf die Szene an der Theke gerichtet. Körperhaltung und Verhalten der Gäste signalisierten eindeutig, dass sie dem Geschehen nur einen unterhaltsamen Charakter beimaßen, nicht jedoch eingreifen wollten. Der Raumpirat zeigte weiterhin seine betont lässige, fast schon desinteressiert wirkende, Haltung.

Wut keimte in Balthasar. Ihr Auftrag konnte nicht ihm gelten, da er nicht in illegale Aktivitäten verwickelt war. Na ja, zumindest in keine, die den Einsatz einer Kopfgeldjägerin rechtfertigten. Er musste herausfinden, was die Frau in seine Bar führte. »Was gibt es … Kopfgeldjägerin?«

»Sphinx!«, ertönte die Stimme des Raumpiraten von seiner Nische aus. »Sie nennt sich Sphinx!«

»Kain, du elender Bastard hast mir gerade noch gefehlt!«, entgegnete die Kopfgeldjägerin laut, ohne sich umzudrehen.

Balthasar hob fragend die Brauen.

»Sphinx? So wie dieses ägyptische Steinding?«

»Nein, nicht wie dieses ägyptische Steinding, sondern so wie dieses griechische Mythologieding«, ätzte sie, eher von Arroganz als Wut beflügelt.

»Ähm, wo ist der Unterschied?«, fragte der Wirt und hob mit gespielter Gelassenheit die Schultern.

Sie schloss kurz die Augen und sog zischend Luft zwischen ihren Zähnen durch, bevor sie sich übertrieben grimmig schauend zu einer Antwort herabließ:

»Es geht um die Botschaft, klar?«

Seinem weiterhin auf ihr ruhenden, fragenden Blick entsprechend, erklärte sie weiter:

»Der Name soll nur eines vermitteln: Ich reagiere recht ungehalten darauf, wenn man mir nicht die Antwort gibt, die ich hören möchte.«

Bevor er weiter auf das Gesagte eingehen konnte, nahm sie den Rucksack von der Schulter, öffnete ihn und zog einen fast unterarmlangen Stab, etwa zweimal so dick wie ihr Daumen, hervor. Ein Ende davon ließ sich aufgrund seiner Beschaffenheit – und angesichts der Tatsache, dass die Kopfgeldjägerin es genau so benutzte – als Griff definieren. Auf der anderen Seite endete der Stab in einer Kugel, die metallisch schimmerte. In diesem Moment erhob Kain sich von seinem Stuhl und schälte seine Gestalt aus den Schatten, die seine Ecke dominierten. Langsamen Schrittes näherte er sich der Szene an der Bar. Der Wirt zog skeptisch die Brauen zusammen, als er den ihm unbekannten Gegenstand in der Hand der Frau betrachtete.

»Wa...«, setzte er an, bevor er von Sphinx unterbrochen wurde.

»Ich werde dir jetzt eine Frage stellen. Wenn mir deine Antwort gefällt, ist alles gut und wir bleiben Freunde. Wenn nicht …«

Sie ließ die drei Punkte am Ende ihres Satzes einen Moment wirken, ehe sie mit einem dämonischen Lächeln den Stab in ihrer Hand anhob, bis sich die Spitze davon direkt vor seinen Augen befand. Dann schnitt sie dem Wirt abermals das Wort ab, kurz bevor er anfing zu sprechen.

»Dieser Stab hier ist ein sehr modernes technisches Instrument. Man könnte es wohl vereinfacht einen Thermoregulator nennen. Tatsächlich kann ich damit Flüssigkeiten im Bruchteil einer Sekunde zum Kochen bringen, oder auch zu Eis erstarren lassen.«

Während sie die letzte Silbe über ihre Lippen rollen ließ, bewegte sie die Spitze des Stabes flink an die Seite seines Halses. Schlagartig wurde ihr Gesichtsausdruck wieder völlig kühl und sie teilte ihrem Gegenüber in geschäftsmäßigem Tonfall mit: »Hier befindet sich deine Halsschlagader. Kochen oder Eis – ich bin bereit auszuprobieren, ob es mit deinem Blut funktioniert.«

Das Gesicht des Mannes wurde aschfahl und seine Unterlippe zitterte, als er entgegnete:

»Nun frag schon … ich werde antworten!«

Sie nickte zufrieden und räusperte sich leise, bevor sie ihn beim Wort nahm.

»Ich verfolge einen Kriecher und ich weiß aus sicherer Quelle, dass er gestern hier reingegangen ist. Da niemand ihn rausgehen sah und er nicht hier ist, gibt es für mich nur eine logische Erklärung.«

»Ich, aber ich …«, stammelte Balthasar, woraufhin Sphinx kurz den Druck gegen die Haut seines Halses erhöhte. 

»Ja, ja, natürlich … Ich habe hinten im Lager eine Klappe. Die hat er genutzt. Ich wollte doch bloß keinen Ärger«, wimmerte der verängstigte Besitzer der Bar. Die Frau entfernte den Stab ein wenig von seiner Haut, behielt den Griff jedoch in der Hand. Langsam, nahezu in Zeitlupe, drehte sie sich um und blickte dem Raumpiraten, der plötzlich nur noch ein kleines Stück von ihr entfernt stand, direkt in die Augen. Da er sie um ein gutes Stück überragte, musste sie dafür den Kopf ein wenig in den Nacken legen. Sie sagte nichts, doch drängte sich allen Anwesenden, die den Vorgängen an der Theke noch immer ihre volle Aufmerksamkeit zukommen ließen, der Eindruck auf, dass auch ohne Worte genügend Botschaften zwischen den beiden in der Luft hingen.

Kain war es schließlich, der das Schweigen brach:

»Soso, Kleines. Ich habe dir also gefehlt, sagst du?«

Sein Gesicht zeigte übergangslos ein Grinsen, das einen gewissen Mangel an Moral suggerierte. Sphinx verengte die Augen zu Schlitzen und ihr Brustkorb hob und senkte sich unter tiefen, starken Atemzügen. Das Zucken ihres rechten Nasenflügels und der Zeigefinger ihrer rechten Hand, der verspielt über den Griff ihres Kampfmessers strich, ließen nur erahnen, welche Emotionen und Fantasien sie wohl zu ihrer nächsten Aktion animieren würden. Niemand im Raum wagte es, zu atmen. Man hätte in der Stille die berühmte Stecknadel fallen hören und aus dieser dichten Atmosphäre fast schon Stücke herausschneiden können. Doch Kain ließ sich offensichtlich nicht von den Drohgebärden der Kopfgeldjägerin einschüchtern. Das Grinsen wich nicht aus seinem Gesicht. Viel eher zog es sich in die Breite, wodurch die Mundwinkel noch näher an die Ohren rückten und die lange Narbe auf seiner linken Wange den Eindruck erweckte, als schlängle sie sich durch seinen Dreitagebart.

»Du hast es so gewollt«, krächzte sie, als seien ihre Stimmbänder von Glassplittern bedeckt – und nun schien es, als bewegten sich ihre Hände von alleine.

Sie hielt ihm den Thermoregulator an die linke Schläfe, packte ihn mit der freien Hand am Kragen und zog ihn dicht zu sich heran, sodass sie sich direkt in die Augen blickten.

Ihre Mundwinkel zuckten leicht und sie schlang die Arme um seinen Hals. 

Ihre Stirn senkte sich auf seine Schulter und ihr entwich ein wohliges Brummen bei dieser herzlichen Umarmung. Kain erwiderte die freundschaftliche Geste, bis sie nach wenigen Sekunden wieder von ihm abließ und ihn anlächelte.

»Ewig nicht mehr gesehen, du Hund!«, rief Sphinx voller Freude. 

Kain nickte. 

»Ja, ich dachte, ich sehe nicht recht, als du hier rein kamst.« Er zwinkerte ihr zu. »Bist aber immer noch so lässig drauf, wie bei unserem letzten Aufeinandertreffen.«

»Danke, mein Bester«, entgegnete die Kopfgeldjägerin lachend und fragte gleich darauf: »Hast du Lust auf eine Kriecherjagd? Ich kann das Kopfgeld teilen.«

 

»Lass mal! Ich würde dich eher aufhalten. Ist nicht mein Metier, das weißt du doch.«

Am Spielertisch räusperte sich ein Bikhaner – eine humanoide Spezies mit stämmigem Körperbau, im Vergleich dazu jedoch recht schlanken Extremitäten – und sprach die Frau an der Theke mit nasaler Stimme an:

»Verzeiht, Menschendame …« 

Als sie ihm ihr Gesicht zuwandte, fuhr er fort: »Ich bin nicht sicher. Was ist ein Kriecher?«

Sphinx blickte nur kurz irritiert in das graue Gesicht des Spielers. Sie war zwar an den Anblick dieser fast gänzlich nasenlosen Wesen mit den Flechten in diversen Rot- bis hin zu Violetttönen auf dem Kopf gewöhnt, doch hatte dieser spezielle Bikhaner auch noch unglaubliche Glupschaugen, das für einen menschlichen Betrachter doch etwas zu grotesk wirkte, um es einfach zu übergehen. Als sie bemerkte, wie sie ihn anstarrte, lächelte sie freundlich, fast ein klein wenig verlegen, und antwortete: 

»Kriecher sind Fassadendurchquerer. Eben Leute, die sich in der Stadt hinter der Stadt verstecken.«

»Sie meinen, sie leben in den Wartungsräumen und -schächten?«

»Nein, dort herrscht zu viel Betrieb. Im Heizungssystem ist es zu heiß und von den chemischen Prozessen in der Abwasser- und Abfallbeseitigung brauche ich sicher nicht anzufangen ...«

»Ja, aber wo sind sie dann?«

Sie hob leicht schmunzelnd die Schultern an.

»Überall sonst. Man braucht ausreichend Abstand, muss den Luxus dieser Lebenswelt von den ekligen und schädlichen Notwendigkeiten, die er mit sich bringt, trennen. Da gibt es aber zwischendrin noch jede Menge nutzbaren Raum. Dorthin flüchten Kriecher.«Der Bikhaner nickte verstehend und dankte ihr knapp für die Auskunft. Der Wirt, der sich langsam von seinem Schock zu erholen schien, fragte Sphinx: »Ist dieser Kriecher denn gefährlich?« 

Sie schüttelte leicht den Kopf und erklärte: 

»Irgendein Möchtegern-Aktivist, der erschrocken ist, als ihm plötzlich jemand zugehört hat. An seinem Gefasel muss etwas seltsam gewesen sein. Oder wahr. Zumindest wahr genug, dass ich dazu beauftragt wurde, ihn lebend zu den Bürohengsten auf die Delta-Station zu bringen. Dort wird er dann in den zweifelhaften Genuss des gesamten Verwaltungs- und Justizapparates von Delta-City kommen.«

»Hm«, Kain rieb sich nachdenklich das Kinn, »pass gut auf dich auf Sa-phinx.«

Ihren mahnenden Blick, als er im Begriff war, sich zu versprechen, quittierte er mit einer beschwichtigenden Geste, woraufhin sie ein wenig den Kopf zur Seite neigte, kurz wartete und dann lächelte.

»Aber klar mach ich das. Mach dir mal keine Sorgen! Mit dem werde ich allemal fertig.«

Mit diesen Worten ging sie auch schon auf die Tür des Lagerraumes zu, die Balthasar gerade für sie öffnete. 

Die zweckmäßige Einrichtung des kleinen Raumes entsprach den Erwartungen, die man gemeinhin mit einer solchen Kammer verband. Wie üblich sah man die Klappe zu den Bereichen hinter der eigentlichen Stadt nicht. Das System folgte schließlich dem Kerngedanken, den Schein der sauberen, akribisch geplanten und von den Stadtdesignern makellos verwirklichten interstellaren Stadt Delta-City zu wahren. Dieser Gedanke wurde so ernst genommen, dass sogar die Zugänge zu den anderen (Die Schöpfer dieser Station hätten an dieser Stelle auf die kursive Schreibweise bestanden.) Arealen der Raumstation unsichtbar sein mussten. Ein passender Vergleich wäre wohl der Körper eines Models. Auch da wurden seit jeher natürliche Körperfunktionen ausgeblendet, um das Gesamtwerk über die Optik zu definieren. Sobald man jedoch durch beispielsweise verbale Komponenten in Korrelation zu der Person hinter der Fassade tritt, funktioniert die Formel oft schon nicht mehr.

 

Der Wirt öffnete bereitwillig den Zugang zum Innenleben der Stadt und Sphinx blickte in eine Dunkelheit von höchster Qualität. Hier schien Licht nicht nur zu fehlen, es schien regelrecht ausgestoßen. Die junge Frau stieg langsam und vorsichtig durch die Öffnung, immer noch den Stab in der Hand haltend. Mit einem leisen Klicken erstrahlte plötzlich die kleine Kugel, die am oberen Ende des nun als Taschenlampe enttarnten Stabes saß, in hellem, weichem Licht. Der Inhaber der Oase knurrte ungehalten, als er bemerkte, wie Sphinx ihm zum Narren gehalten hatte.

»Du bist doch eine verdammte ...«

»Vorsicht!«, mahnte ihn Kain, der am Eingang des Lagerraumes stand.

»Sie ist auch ohne das Ding gefährlich und außerdem eine gute Freundin von mir.«

»Schon gut, schon gut«, murmelte Balthasar zerknirscht und drängte sich an dem Raumpiraten vorbei in die Schankstube.

Sphinx beleuchtete ihre Umgebung, während sie – die freie Hand ununterbrochen am Blaster – vorsichtig den Bereich vor ihr betrat. Den Heizungsrohren und den elektrischen Leitungen folgend, wäre sie sicher zu den entsprechenden Wartungsbereichen gelangt – oder eben direkt zu den Appartements, die durch die Leitungen versorgt wurden. An den Orten würde der Kriecher sich aber sicher nicht aufhalten. Die Techniker, die in den Wartungsbereichen bei Bedarf ihre Aufgaben wahrnahmen, hätten ihn entdeckt und gemeldet. Zu weit entfernt von den Heizungsrohren könnte es unangenehm kalt sein. Zwar wurden die meisten Innenräume Delta-Citys mit Infrarottechnik beheizt, doch eignete sich diese Technik nicht zur Temperierung aller Stadtbereiche, wie etwa öffentlicher Plätze. Dort hatte man – ihrer ursprünglichen Funktion nach völlig unnötige – Gullydeckel eingelassen, die Heizungsschächte verbargen, welche immer für optimale Temperaturen auf den Straßen der Stadt sorgten.

Ein Kriecher konnte nicht von den Infrarotpaneelen in der Stadt profitieren. Demnach schien es sinnvoll, zunächst den Heizungsrohren zu folgen. Der Flüchtige würde die Kopfgeldjägerin sehen, bevor sie ihn sehen konnte, doch rechnete sie so nah beim Eingang noch nicht mit ihm. Mit der Lampe fiel die Orientierung leichter, als mit ihrem Nachtsichtgerät. Sollte er sich also dennoch schon hier versteckt halten, musste sie einfach besser sein als er. Nach allem, was sie über ihn wusste – zum Beispiel, dass er höchstwahrscheinlich keine Waffen bei sich trug – sollte dies kein Problem darstellen. Da Sphinx durch das Licht sowieso auffiel, achtete sie nicht darauf, geräuschlos zu gehen. Das ersparte ihr angesichts ihrer leichten Kampfstiefel auch viel Konzentration. 

Sie folgte knapp fünf Minuten lang einem Gang und kam dabei dank der Rohre richtig ins Schwitzen. An einer Kreuzung musste sie sich entscheiden. Zu den Rohren, denen sie bisher folgte, gesellten sich andere aus verschiedenen Richtungen. Geradeaus wuchs die Zahl der Leitungen. Dort ging es mit Sicherheit zum Wartungszentrum dieses Stadtteils. Diesen Weg konnte sie sich also sparen. In die seitlichen Gänge führten vereinzelte Leitungen und Rohre.

Aber war er nach rechts oder nach links abgebogen? Hier musste sie raten. Wenn sie sich halbwegs richtig orientierte, was hier drin schwerfiel, folgten auf der linken Seite bald wieder Ausgänge beziehungsweise Zugänge zur eigentlichen Stadt, da in diesem Bereich eine längere Einkaufs- und Vergnügungsstraße vom Raumhafen in Richtung Innenstadt führte.

Die deutlich besseren Möglichkeiten, sich zu verstecken, gab es also auf der rechten Seite. Die Kopfgeldjägerin schaltete nun die Lampe aus, zog ein leichtes, professionelles Nachtsichtgerät aus dem Rucksack und setzte es auf. Das fehlende Restlicht glich das Gerät durch eine Kombination aus Infrarot-Abtastung der Umgebung und Ultraschallwellen zur konkreten Orientierung aus. Um auch verräterische Schritte zu vermeiden, klemmte sie rutschsichere, schalldämmende Clip-Sohlen an ihre Stiefel. So darauf vorbereitet, weder optisch noch akustisch unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen, zog sie den Blaster und ging, so zügig es eine weitgehend lautlose Fortbewegung zuließ, in den rechten Gang.

Die Umgebung veränderte sich über geraume Zeit nicht. Ob sie tatsächlich so eine lange Wegstrecke zurückgelegt hatte, wie es ihr schien, oder ob ihre Fortbewegungsweise ihr Zeitgefühl trog, konnte sie nicht sagen. Wie zu erwarten, kam sie nach einer Weile erneut an eine Kreuzung, diesmal jedoch nur mit einem Weg nach rechts und einem nach links. Die vorhandenen Rohre teilten sich hier und sie befand sich schon recht tief im inneren System der Station, sodass sie sich auch nicht mehr an den draußen verlaufenden Straßen orientieren konnte. Mit einem Schulterzucken wandte sie sich abermals nach rechts, versäumte es jedoch nicht, sich noch einmal vorsorglich umzublicken – was sie gleich darauf bereuen sollte.

Sie sah gerade noch etwas heranfliegen und einige Meter dahinter im anderen Gang eine Person stehen. Dann jedoch, kurz bevor die Kopfgeldjägerin instinktiv die Augen schloss, zündete die Blendgranate. Ihr Nachtsichtgerät verfügte zwar über eine Sicherheitsvorrichtung, die sofort die Leistung regulierte, doch reichte der Sekundenbruchteil, den die Anpassung benötigte, um Sphinx für eine kurze Zeit die Sicht zu nehmen.

»Verdammt!«, schrie sie und feuerte an die Stelle, an der sie den Feind wähnte. Zufrieden nahm sie zur Kenntnis, dass der ächzend zur Seite hechtete, wobei er offenbar hart landete. Sie hatte also die richtige Position anvisiert. Blitzschnell folgte sie mit dem Lauf der Waffe den Aufprallgeräuschen und drückte erneut ab.

Vorbei.

Er stand auf.

Sich rasch entfernende Schritte ertönten.

Sie feuerte.

Noch einmal.

Ein dritter Schuss. Sie vernahm einen erstickten Schrei.

Dann ein dumpfes Geräusch ... als ob ein Körper zu Boden fiel.

Sie hatte ihn tatsächlich getroffen – blind. Ein stolzes Lächeln zierte ihre Lippen, während sie sich langsam aufrappelte. Noch immer desorientiert suchte sie Halt an der nächsten Wand, um sich daran entlang zu tasten. Schrittweise ging sie so in Richtung des flüchtigen Kriechers. Dabei dachte sie über die Energiezellen ihrer Schusswaffe nach. Eine vollständig aufgeladene Zelle reichte für bestimmt zehn Schüsse mit maximaler Betäubungskraft. Aber wie weit hatte sie die Waffe aufgeladen? Normalerweise tauschte sie, wenn sie wegen eines Auftrags landete, die Energiezellen aus, noch bevor sie ihren Raumgleiter verließ. Hatte sie das auch diesmal getan?

Während Sphinx versuchte, wieder Konturen in ihr Gesichtsfeld zu blinzeln, arbeitete sie sich kleinschrittig zu der Stelle vor, an der sie den Bewusstlosen vermutete. Sie hoffte nun, dass er auch lange genug betäubt bliebe, um ihn zu erreichen. Egal wie oft sie darüber nachdachte – sie konnte nicht mit Gewissheit sagen, ob sie die Energiezelle ausgetauscht hatte. Langsam schien es ihr, als nehme sie, zumindest teilweise, wieder die natürliche Dunkelheit ihrer Umgebung wahr. Sie holte erneut den Stab mit der Leuchtkugel aus dem Rucksack und schaltete sie auf niedriger Stufe an. Ihre Augen wollten immer noch nur eingeschränkt ihren Dienst tun, und ihr Gesichtsfeld wurde durch weiße Lichtflecke überlagert, doch konnte sie zumindest ausmachen, wo ihr Widersacher – nein – ihr Auftrag – lag. Sie ging langsam und etwas schwankend auf die entsprechende Stelle zu und stellte erleichtert fest, dass er sich noch immer nicht bewegte. Sie würde den Kriecher also abliefern können. Sie fesselte ihn mit Handschellen und blieb dann neben ihrem Gefangenen sitzen. In diesem Zustand konnte sie ihn nicht transportieren. Sie stützte ihre Handflächen ein gutes Stück hinter ihrem Gesäß auf den Boden, lehnte sich zurück und sprang sofort wieder auf. Flüssigkeiten gehörten nicht auf diesen Boden. Hier war es normalerweise recht sauber und ein Leck würde sofort lokalisiert und behoben.

Sie ahnte Übles.

Und sie sollte recht behalten.

Blut.

 

Es bestand kein Zweifel. Er war so hart gestürzt, dass er sich eine stark blutende Kopfwunde zugezogen hatte. Mittlerweile schien ihr die Zeit seiner Bewusstlosigkeit doch schon recht lange. Wäre er nicht bereits wach, selbst wenn die Energiezelle neu gewesen wäre?

»Verdammte Scheiße!«, fasste die Kopfgeldjägerin ihre Stimmungslage wenig eloquent zusammen.

»Wie soll ich nur einen Toten von hier wegkriegen?«, fragte sie mit spöttischem Unterton ihre Umgebung im Allgemeinen. Umso erschrockener schrie sie auf, als sie plötzlich Antwort erhielt:

»Kopfwunden bluten doch immer wie der Teufel. Muss geklebt werden, mehr nicht.«

Ungläubig hielt sie dem vermeintlich Toten die Lampe vors Gesicht. Und tatsächlich: Er blickte sie noch etwas benommen an und sagte, bevor sie selbst Worte fand: »Nun bring mich weg, bitte. Ich möchte medizinisch versorgt werden!«

»Du redest nicht wie der übliche Kriecher. Kennst du denn keine Schimpfwörter?«, fand sie ihren bissigen Charme langsam wieder.

»Kriecher? Was? Nenn mich nicht so! Außerdem kann ich sehr wohl Schimpfwörter benutzen, du Mistkröte.«

»Mistkröte? Ist das etwa dein Ernst? Ach vergiss es! Gehen wir einfach!«

Ohne weitere Gegenwehr ließ der Mann sich abführen. Nach einigen, von Schweigen geprägten Minuten, fragte Sphinx ihren Gefangenen: 

»Wie wird ein Kerl wie du zum Kriecher?«

Er wölbte die Augenbrauen, bevor er zögerlich antwortete: 

»Ein Kerl wie ich?«

»Sauber angezogen, unbewaffnet, redegewandt … ziemlich bürgerlich.«

»Wieso interessiert sich eine Kopfgeldjägerin für die Motive ihrer Fälle?«

»Es interessiert mich eben, weil ich noch keinen Menschen wie dich in solch einer Umgebung gesehen, geschweige denn gejagt habe.« 

Sie hielt an und hakte nach: »Nun sag schon.«

Er seufzte hörbar und blickte ihr mehrere Sekunden in die Augen, bevor er erklärte:

»Sagen wir einfach, dass es keinen Ort im Universum gibt, an dem nicht der Bedarf an Leuten wie mir besteht. Außerdem mag ich das Wort ›Kriecher‹ nicht.«Sphinx nickte leicht und kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. 

»Na ja, egal.«

Sie bedeutete ihm, weiterzugehen.

»Nun komm schon, du weißt, worauf es hinauslaufen wird.«

Er leistete ihrer Anweisung stumm Folge und erst einige Schritte später fügte sie hinzu: 

»Weißt du, wenn ich das hier morgen sein lasse und Essen verkaufe, bin ich eine Verkäuferin, egal was ich vorher war. Schätze, dieser Logik folgend bist du also doch ein Kriecher.«

Er lächelte ein wenig.

»Was ist?«, fragte sie, nun etwas ungehalten.

Er blieb stehen und erklärte: 

»Bist du jetzt gerade auch eine Kriecherin?«

»Unsinn«, wischte sie seine Worte mit einer Handbewegung fort, »meine Funktion hier ist eine ganz an...«

Sie hielt inne und blickte bedächtig auf ihre Hände. So verharrte sie einen Moment, bevor sie den Blick wieder hob.

»Eines hast du vergessen: Man wird nicht zum Ziel einer Kopfgeldjägerin, nur weil man Kriecher ist. Der Grund, warum wir beide hier sind, ist irgendein anderer. Einer, den ich nicht wissen muss – oder will.«

»Vorhin fragtest du.«

»Los, gehen wir!«

»Warte!«

Sie hielt inne und blickte ihn gespannt an.

»Ich bin Arzt. Deshalb bin ich hier.«